Weibliche Teilhabe

In meinem Kopf sitzt ein Gedanke. Er hat es sich allmählich dort gemütlich gemacht. Dann und wann macht er sich bemerkbar, fast wie ein alter Freund. Ich glaube, so schnell will er nicht wieder gehen. Der Gedanke sagt: „Wird sich das erst ändern, wenn auch die Anderen nachziehen und normal in ihre Wechseljahre kommen? Wirst du dich erst dann nicht mehr so anders fühlen?“ – das wäre in gut 15 Jahren. 25 Jahre nach mir.

Ich unter Frauen. Irgendeine fängt irgendwann immer damit an, über ihre Tage zu sprechen. Über PMS, über Menstruationstassen, über alles mögliche. Meist folgt irgendwann der lapidare Satz „Ihr kennt das ja“. Ich spüre, ich bin mitgemeint, doch nur ich weiß, dass ich nicht mitreden kann. Ich könnte über viele andere Dinge sprechen. Über Unterleibskrämpfe, weil die Schleimhaut meiner Vagina trotz Hormonersatztherapie nicht ausreichend mit Östrogen versorgt wird und zu dünn geworden ist. Über eine verlorene Libido, aus gleichen Gründen. Über Zäpfchen, die ich nachts wie einen Tampon einführe, damit sie das wieder ins Lot bringen. Über das Gefühl zwischen den Beinen auszulaufen beim Erwachen am nächsten Morgen, weil das über Nacht von der Körperwärme geschmolzene Zäpfchen nicht nur eine Richtung kennt. Über Haarausfall. Hitzewallungen. Gewichtszunahme. Akne. Hormonchaos. Das Gefühl, sich im eigenen Körper fremd zu fühlen. Elegante, waschbare Inkontinenzwäsche googlen, weil man seiner Blase nicht mehr über den Weg traut. Nachts ständig auf die Toilette müssen. Sich jung und wahnsinnig alt zugleich fühlen.

Doch ich erzähle nichts davon, kein Wort. Nach all den Jahren stehe ich in Gesprächen wie solchen noch immer wie gelähmt dabei und weiß nicht, was ich sagen soll. Ich versuche, meine Gedanken beiseite zu schieben, dafür ist kein Platz. Ich nicke oder ziehe mitfühlend die Mundwinkel nach unten und hoffe, die Situation ist möglichst schnell vorüber. Ich spüre die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der anderen, die mich ganz automatisch als Leidensgenossin ansehen, und meiner eigenen Realität, die von ihrer Situation so fern ist, wie sie als Frau nur sein kann. Gelähmt bin ich davon, dass ich manchmal gern genauso offen und unbeschwert über eben diese meine Realität sprechen möchte, um mich mehr dazugehörig und verstanden zu fühlen, es aber in einer so alltäglichen Situation zu viele Fragen aufwirft und entsprechend lange Erklärungen bräuchte. Darüber zu sprechen lässt das Gegenüber außerdem immer betroffen und unbeholfen werden, denn die lockere Kommunikation wird gestört, die Atmosphäre wird schwer, das Unbehagen wird fast greifbar. Es ist eben nicht normal, wie soll man es also normalisieren, darüber zu sprechen?

Und es kann verdammt nach hinten losgehen. Leider musste ich diese Erfahrung machen. Ich habe mich einmal mit jemandem zu meinem Gendefekt und den damit verbundenen Auswirkungen auf meine Gesundheit, auch zu meinem Empfinden von defizitärer Weiblichkeit ausgetauscht. Mir wurde zunächst mit Interesse und Mitgefühl begegnet, dadurch war ich ermuntert, offen zu sprechen und weil nachgefragt wurde, erklärte ich auch die Zusammenhänge mit dem Gendefekt so gut ich konnte. Und doch wurde ich nicht verstanden – im Gegenteil, die Person schlussfolgerte aus all dem: „Dann bist du ja also Inter!“. Gemeint war Intersexuell. Diese Aussage entstand durch fehlendes Wissen und schlechtem Zuhören, sie war keine böse Absicht, das ist mir auf rationaler Ebene absolut bewusst. Es hat mich dennoch sehr verletzt, weil mir meine Identität als Frau abgesprochen wurde, wo ich doch genau damit so ambivalent bin, weil sich falsch anfühlt, was in meinem Körper passiert und mir in so vielen weiblich assoziierten Dingen die Teilhabe fehlt.

Ich vermisse meine Menstruation nicht, im Gegenteil, das ist der einzige Vorteil des Ganzen und seit ich ein Präparat nehme, das mir auch keine Blutung mehr vorgaukelt, bin ich auch vollkommen fein damit. Ich beschwere mich also nicht darüber, nicht mehr jeden Monat schmerzhaft zu bluten und es geht mir auch nicht darum, den menstruierenden Menschen um mich herum, ihre Probleme und Schmerzen abzusprechen, irgendwas davon miteinander aufzuwiegen. Es geht nur um dieses Gefühl der Entfremdung gegenüber Mitmenschen des eigenen Geschlechts. Es geht darum, sich nicht wirklich dazugehörig und gleichzeitig mit der eigenen Situation so isoliert und unverstanden zu fühlen.

Das Gefühl, nicht so ganz und gar dazuzugehören, kommt aber auch in anderen Szenarien auf, und zwar ausgerechnet da, wo man sich eigentlich geschützt fühlen sollte: In der Arztpraxis und, noch schlimmer, in Apotheken. Man reicht das Rezept über den Tresen und zählt die Sekunden, beobachtet die*den Apotheker*in beim Lesen des verordneten Medikaments, hofft auf das Beste und ist erleichtert, wenn die Person lächelt und damit fortfährt, ihren Job zu machen. Oder aber es kommt anders und dann läuft es immer gleich ab: Erst die Frage, ob es tatsächlich das richtige Präparat sei. Dann der Hinweis, dieses sei aber nicht zur Verhütung gedacht. Wenn man es soweit kommen lässt, folgt eventuell noch die Frage nach dem Alter. Mittlerweile habe ich Strategien entwickelt, die mich vor diesem immer wieder auf die gleiche Art bloßstellenden Prozedere bewahren. Die radikalste davon ist, gewisse Apotheke aus meiner Map zu streichen. Eine andere, den Fragen zuvorzukommen mit unmissverständlicher Klarheit. Dann werden die Personen auf der anderen Seite des Tresens meist rot, entschuldigen sich und tuen mir beinahe leid. Aber nur beinahe, denn man möchte meinen, in diesem Job sind Diskretion und Einfühlungsvermögen wichtige Prinzipien, aber leider wird man in dieser Annahme zu oft enttäuscht.

Solche Situationen, ob im Büro, mit Freundinnen oder am Apothekentresen, tragen dazu bei, dass es mir in den letzten zehn Jahren schwer fiel, mich, meinen Körper und meine Lebenssituation liebevoll anzunehmen und versöhnlich damit zu werden. Ich bin auf einem guten Weg der Akzeptanz, doch die vielen Trigger im Alltag werfen mich doch immer mal zurück. Auch, weil ich noch nicht herausgefunden habe, wie sich diese Situationen für mich besser händeln lassen und ich mich nicht direkt so angefasst fühle.

Ich habe an diesem Artikel über ein Jahr geschrieben, natürlich nicht fortwährend. Doch seit Juni 2022 war er im Entwurfsmodus und ich habe immer mal wieder etwas ergänzt, aber mich nie so wirklich getraut, ihn zu veröffentlichen. Obwohl das hier ein Safe Space für mich ist und ich schon so vieles, sehr persönliches hier veröffentlicht habe, ist dieser Artikel doch der bisher persönlichste und das ließ mich so lange zögern.

Ich kenne zwar die monatlichen Aufrufe dieses Blogs, doch ich weiß nicht, wie viele tatsächlich betroffene Frauen unter denjenigen sind, die in den letzten Jahren hier über diese Seiten gelesen haben. Aber es haben zwei davon Kontakt mit mir aufgenommen. Eine ist geblieben. Es ist ein riesiges Geschenk und ich fühle mich ihr auf eine Weise verbunden, die schwer zu erklären und sicher schwer zu verstehen ist. Es ist, wie jemanden zu finden, der so ist wie man selbst – egal, wie verschieden man seine Leben lebt. Das ist so tröstend, dass ich es jeder wünsche, die sich auf der Suche nach Informationen, Studien und Erfahrungsberichten allein durchs Internet scrollt.

Daraus ist eine Idee entstanden: Wenn du gerne auch einmal deine Gedanken hier teilen magst, nicht aber in einem öffentlichen Kommentar, dann schreibe mir gern deine Gedanken und mit deiner Erlaubnis veröffentliche ich sie hier als anonymisiertes (oder nicht anonymisiertes) Zitat, ganz wie du magst. Mach dir Luft durch diese Plattform, ergänze meine Erlebnisse durch deine eigenen. Fühl dich eingeladen, teilzuhaben 🙂

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