Der Weg zu meiner Hormonersatztherapie begann damit, dass ich die Pille absetzte, um mich nicht länger mit synthetischen Hormonen vollzupumpen und ein besseres Gefühl für meinen Körper zu entwickeln – welch Ironie!
Ich hatte schon länger darüber nachgedacht und mich dazu im Netz informiert, aber die Entscheidung immer aufgeschoben. Im Herbst 2013 vergaß ich dann mehrere Tage nacheinander die kleinen rosafarbenen Drops zu schlucken und geriet mit dem Zyklus ordentlich durcheinander. Irgendwie war das für mich dann die passende Zeit, um es einfach sein zu lassen und damit fühlte ich mich anfangs auch sehr gut. Mir war bewusst, dass es nach Absetzen der Pille eine Weile dauern konnte, bis alles seinen eigenen Rhythmus fand – doch die Wochen und Monate vergingen ohne auch nur die Andeutung einer Blutung. Ich war etwas verwundert, dass es tatsächlich so lange dauerte, machte mir aber noch keine großen Sorgen. Mit der Zeit schlichen sich Müdigkeit und Abgeschlagenheit in meinen Alltag. Ich schlief schlechter und bekam plötzliche Schweißausbrüche, nicht nur nachts. Dazu kamen unreine Haut, Haarausfall und empfindliches Zahnfleisch. Trübe Gedanken, Konzentrationsprobleme und fehlender Antrieb machten mir alles ein bisschen schwerer und mich zu jemanden, den ich so bisher nicht gekannt hatte.
Schließlich entschloss ich mich zu einem Besuch bei meinem Gynäkologen. Ein warmherziger, emphatischer Mann kurz vor der Rente, ich fühlte mich dort schon lange wohl und auch fachlich gut aufgehoben. Dass er bei der Auswertung der Blutwerte ratlos und schweigsam vor mir saß, machte mir Angst. Er sagte, dass seine Kompetenz hier enden würde und die Werte ihm ein Bild zeichneten, dass er sonst nur von Frauen um die 50 kenne – er müsse mich zur Endokrinologie überweisen. Ich verstand natürlich nur Bahnhof und war total erschrocken. Er bat um einen Arztbrief nach erfolgreicher Diagnose und empfahl mir das Endokrinologikum Berlin in der Friedrichstraße.
Dort wurde ein umfangreicheres Blutbild erstellt, das die Werte bestätigte. Mein Östrogenspiegel war kaum noch messbar, das Anti-Müller-Hormon (Indikator für Eierstockfunktionalität) ebenso, dafür sprang der FSH-Wert durch die Decke. Ich hatte einen Mangel an Vitamin D und Selen – beides war bei einem Blutbild zwei Jahre zuvor noch in bester Ordnung gewesen und ich hatte meine Ernährung nicht wesentlich verändert. Der erhöhte Wert der Schilddrüsenhormone (TSH) und eine ungewöhnlich hohe Zahl von Antikörpern komplettierten das Bild. Meine Schilddrüse wurde mit Ultraschall untersucht und dabei wurde eine Strukturveränderung festgestellt.
Die Endokrinologin erklärte mir daraufhin, dass ich Hashimoto hätte – das sei eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, bei der Antikörper das Organ angreifen.
Ihre Theorie war folgende:
Mein Körper bildete schon seit längerer Zeit kein körpereigenes Östrogen mehr, weshalb nach Absetzen der Pille von einem Tag auf den anderen die Hormonversorgung eingestellt worden war und ein sogenannter „Hormonschock“ stattgefunden hatte. Dies war nach ihrer Vermutung der Auslöser für die Entwicklung des Hashimoto.
Die Ovarialinsuffizienz könne zwar prinzipiell durch die Fehlfunktion der Schilddrüse bedingt sein, da diese die Funktion der Geschlechtsorgane beeinträchtigen und zu einer vorübergehenden Unfruchtbarkeit führen könne. Weil ja aber mein Körper kein eigenes Östrogen bildete, war sie sich recht sicher, dass die Ursache für die POI eine andere sein musste. Daraufhin schickte sie mich zur Humangenetik.
Die Genanalyse bestätigte erst einmal, dass ich grundsätzlich einen gesunden und auch vollständigen weiblichen Chromosomensatz hatte, ergab jedoch eine Anomalie beim FMR1-Gen auf dem einen X-Chromosom. Innerhalb dieses Gens gibt es ein Aminosäure-Triplett (CGG), das als Allel in mehreren Wiederholungen bzw. Repeats vorkommt. Der schriftliche Bericht von der Praxis für Humangenetik Berlin erklärte mir, dass das Normalallel durch eine Repeatlänge von 5-49 gekennzeichnet sei, das Grauzonenallel hätte 50-58 Repeats und das Prämutationsallel zwischen 59-200. Alles über 200 Repeats sei eine Vollmutation und würde als Fragiles-X-Syndrom bezeichnet. Mein gesundes X-Chromoson hatte 37 Repeats, das Allel des anderen jedoch eine Repeatlänge von ca. 80-90. Damit war die Diagnose klar: Ich war Trägerin einer Prämutation und eine unter den 20%, die dadurch von einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz betroffen waren (FXPOI).
Um einer Osteoporose-Erkrankung aufgrund des Östrogenmangels vorzubeugen, wurde mir von der Endokrinologin ein Hormonersatzpräparat verschrieben – eines mit einer Kombination aus Estradiol und Gestagen. Dadurch bekam ich wieder eine halbwegs regelmäßige Monatsblutung. Allerdings hatte ich jetzt mit starken Regelbeschwerden zu tun und die Periode war in meinen Augen nur eine fiese Erinnerung daran, dass das alles nur künstlich durch Tabletten hervorgerufen wurde. Ich bat deshalb bei meiner Ärztin um eine Beratung und wir entschieden uns für ein Östrogenpräparat ohne Gestagen. Zusätzlich erhielt ich für die Regulierung der Schilddrüse L-Thyroxin und gegen die Mangelerscheinungen Vitamin-D in 1000 IE und die Empfehlung, ab und an Paranüsse zu essen, um mehr Selen aufzunehmen.
Hinterlasse einen Kommentar